TOLLKÜHNE AUSBRÜCHE

Jedes Jahr werden Hunderttausende von Verurteilten hinter Gitter geschickt – und jedes Jahr gelingt es einigen Tausend von ihnen wieder zu entkommen. Die meisten Fluchtversuche verlaufen dabei völlig unspektakulär: Die Gefangenen nutzen einfach nur ihren Hafturlaub oder Freigang, um sich aus dem Staub zu machen.  Doch es gab Zeiten, da war es weitaus schwieriger, aus seiner Zelle zu entkommen.
Hier sind die zehn tollkühnsten Ausbrüche aus einem Gefängnis.

 

10. DER AUSBRUCH VON JOHN DILLINGER
John Dillinger war in den USA Anfang der 30er Jahre einer der berüchtigtsten Gangster  des Landes. Mit seiner . Nach einer Reihe von brutalen Banküberfällen wurden Dillinger und seine Komplizen bei einem Hotelbrand erkannt und verhaftet. Der Gangsterboss wurde nach Ohio in das Gefängnis von  Crown Point gebrach, das als “ausbruchssicher” galt. Dillingers Anwalt gelang es jedoch, einen täuschend echt aussehenden  Revolver aus Holz einzuschmuggeln. Mit der Attrappe in der Hand befahl Dillinger zunächst einem Wärter, seine Zelle zu öffnen. Anschließend kommandierte er die gesamte Wachmannschaft in die Zelle und sperrte sie ein. Dann stahl er ausgerechnet den Wagen des Sheriffs, mit dem er die Staatsgrenze  von Ohio passierte. Mit diesem Vergehen – dem Überqueren einer Staatsgrenze mit einem gestohlenen Auto – rief Dillinger jedoch das FBI auf den Plan, dessen Agenten jetzt die Fahndung  übernahmen. Ein Jahr später wurde Dillinger von FBI-Leuten bei seiner Festnahme erschossen.

 

 

9. DER AUSBRUCH VON JOHN GERARD
Im England des 16. Jahrhunderts waren die Mitglieder der Kathohlische Kirche zu Verfolgten geworden und konnten nur noch im Untergrund aktiv sein. Der Jesuitenpriester John Gerard wurde dabei zu einem ihrer Anführer.  Oft genug konnte er seinen Häschern entkommen, aber im April 1594 wurde er dann doch verhaftet und in den Tower von London verbracht. Man unterzog ihn zahllosen Verhören und Folterungen.  In der Nacht vom 4. Oktober 1597 gelang Gerad dann jedoch die Flucht, als er sich an einem Tau, das Helfer über den Graben des Towers  gespannt hatten, in die Freiheit hangeln konnte. Eine bewundernswerte Leistung, denn Gerards Hände waren von den Folterungen noch völlig zerschunden.  Nach seiner Flucht begab er sich sogleich wieder in den Untergrund  und konnte in der Folgezeit viele Feinde der Katholiken wieder mit der Kirche versöhnen.

 

8. DER AUSBRUCH VON CASANOVA
Die meisten Menschen kennen Casanova nur als Frauenhelden und vielleicht auch noch als Schriftsteller, aber nur wenigen ist bekannt, dass der Venezianische Lebemann  einst auch als  wagemutiger Ausbrecher  von sich reden machte. Wegen einer ganzen Reihe von Vergehen wurde Casanova  1755 verhaftet und  in den Ostflügel des Dogenplastes gebracht, wo sich das  als “Bleikammer”  bekannte Staatsgefängnis befand. Den Namen  erhielt der Zellentrakt, weil sein gesamtes Dach aus schweren Bleiplatten bestand.  Nach einigen Monaten wurde er in eine Zelle im obersten Geschoß verlegt, wo er  einen abtrünnigen Priester  kennenlernte, der  sein Fluchtkomplice werden sollte. Mit einem beim Hofgang gefundenen Nagel begannen die beiden, ein Loch in die Decke zu meißeln.  Durch dieses Loch stiegen sie unter das Dach, lösten eine der  Bleiplatten, kletterten hinaus auf das  Dach und kletterten dann durch ein Dachfenster in einen benachbarten Raum. Von dort gelangten sie   hinab ins Erdgeschoß, von wo sie aus schließlich mit einer Gondel in den weitverzweigten Kanälen Venedigs verschwanden.  Casanova hat diese Flucht später ausführlich in seinen Memoiren geschildert, wobei  Skeptiker die  Geschichte für erfunden hielten. Doch ergaben sich am Fluchtort  einige Hinweise, die Casanovas Erzählung  stützen.

 

7. DER AUSBRUCH DER NORDSTAATLER
Im Amerikanischen Bürgerkrieg  galt das Libby’s Gefängnis (so genannt, weil  sich dort früher ein Warenhaus  gleichen Namens befand) als einer der übelsten Orte, an denen die Südstaatler  ihre Kriegsgefangenen  unterbringen konnten.  Die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, die Zellen restlos überbelegt, die Sterblichkeitsrate  hoch.  Trotz (oder gerade wegen) dieser widrigen Umstände entschloss sich ein Trupp Unionisten unter Führung  ihres Majors zur Flucht. In mühevoller, heimlicher Handarbeit gruben sie vom Keller des Gebäudes  -  einem niedrigen, von Ungeziefer nur so wimmelnden Raum, den die Insassen “Rattenhölle” nannten  – einen Tunnel zu einem Nachbargrundstück. Nach 17 Tagen gelang es ihnen, mit dem Tunnel unter einem Schuppen wieder an die Oberfläche zu stoßen. 109 Gefangene entkamen  über diesen Fluchtweg in die nahe Stadt Richmond.

 

6. DER AUSBRUCH VON PASCAL PAYET
In der Geschichte spektakulärer Gefangenenausbrüche wurden nicht selten auch  Hubschrauber als Fluchtmittel eingesetzt. Aber nur ein einziger Verurteilter wagte es, gleich dreimal Ausbruchversuche mit einem Helikopter zu wagen. Der Franzose Pascal Payet verbüßte 2001 im Luynes Gefängnis bei  Aix-en-Provence eine 30-jährige Haftstrafe wegen Raubmordes, als ihn am 12. Oktober  ein Komplize mit einem geklauten Hubschrauber   vom Dach der Strafanstalt aufnahm und in die Freiheit flog.  Zwei Jahre später kehrte Payet erneut mit einem gestohlenen Hubschrauber zu dem Gefängnis zurück, um auf die gleiche Weise drei Mitgefangene zu befreien. Die Aktion misslang, Payet wurde zu weiteren sieben Jahren Haft verurteilt und wanderte – jetzt im Gefängnis von Grasse – wieder hinter Gitter. Weitere vier  Jahre später versuchte es Payet zum dritten Mal mit der gleichen Methode:  Vier maskierte Täter entführten einen Helikopter samt Piloten, ließen Payet  auf dem Dach des Gefängnisses einsteigen und  landeten schließlich an der Mittelmeerküste, wo sie den Piloten freiließen.  Payet konnte sich allerdings nicht lange am Erfolg der Aktion erfreuen. Einige Monate später wurde er in Spanien festgenommen.

 

5. DER AUSBRUCH VON DIETER DENGLER
Der deutschstämmige Dieter Dengler war ein Kampfpilot der US Navy, der während des Vietnamkrieges über Laos abgeschossen wurde.  Kurz nach der Landung mit dem Fallschirm wurde er von Rebellen aufgespürt und in ein Dschungelcamp  gebracht, wo er auf eine Reihe weiterer Gefangener stieß (drei Thais, ein Chinese und zwei Amerikaner).  Vom ersten Tag an schmiedete Dengler Fluchtpläne, in die er nach und nach seine Leidensgenossen  einweihte.  Der beste Zeitpunkt erschien allen der Beginn der Monsun-Zeit. Im Morgengrauen überwältigten sie ihre Wachen, erschossen mehrere Guerillas  und flohen in zwei Gruppen in den Urwald. Ihre Flucht führte Dengler und seinen Begleiter in ein verlassenes Dorf, von wo sie aus vergeblich versuchten, mit Rauchzeichen die Aufmerksamkeit  eines Rettungsflugzeugs  auf sich zu lenken. Unter extremen Bedingungen mussten beide wieder zurück in den Dschungel fliehen, wo sie mehr und mehr  unter  Hitze, Hunger und Insekten zu leiden hatten.  Bei dem Versuch, in einem Dorf Lebensmittel zu stehlen, wurde Denglers Gefährte von Einheimischen getötet, Dengler selbst konnte unverletzt entkommen.  Endlich, nach 23 Tagen, wurde Dengler am Ufer eines Flusses von einem Hubschrauberpiloten entdeckt und in Sicherheit gebracht.

 

4. DER AUSBRUCH VON  BILL HAYES
Der amerikanische Student Bill Hayes wurde 1970 nach einem Türkeibesuch bei der Ausreise mit einem Kilo Haschisch im Gepäck erwischt. Hayes wurde zu dreißig Jahren Haft verurteilt.
Die ersten fünf Jahre saß Hayes im Sagmilicar-Gefängnis, dann wurde er auf die Gefängnisinsel  Imrali verlegt.  Hier kreisten seine Gedanken fortwährend um Flucht. Auf der Insel gab eskein einziges Schiff, doch dafür eine Bucht, in der Fischerboote bei schwerer See Zuflucht suchten. Hayes versteckte sich für Tage in einem Müllcontainer, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Als die Gelegenheit günstig war, schwamm er hinaus zu den Booten und stahl ein kleines Dingi, mit dem er es schaffte, nach Griechenland zu entkommen. Seine weitere Flucht führte ihn um den halben Erdball, bis er endlich die Vereinigten Staaten erreichte.
Über seine abenteuerliche Flucht hat Hayes später den Roman Midnight Express veröffentlicht, der unter dem gleichen  1978 von Alan Parker (Drehbuch: Oliver Stone) auch verfilmt wurde.

 

3. DER AUSBRUCH DER IRA-KÄMPFER
Einer der brutalsten Gefangenausbrüche  ereignete sich  1983 im Maze Gefängnis  in Nordirland, als 35 Insassen die Kontrolle über einen Trakt des Hochsicherheitskomplexes übernahmen. Das Maze Gefängnis   war ausschließlich verhafteten Mitgliedern der irischen Untergrundarmee IRA  sowie Kämpfern der mit der IRA verfeindeten Ulster Defense Association (UDA) vorbehalten. Die Gefangenen versuchten, mit Hungerstreiks den Status von Kriegsgefangenen zu erhalten, während die britische Regierung sie wie gewöhnliche Kriminelle behandelte. Vor diesem Hintergrund eskalierten die Ereignisse bei der Revolte von 1983 binnen kürzester Zeit:   Vier Wachbeamte wurden erstochen, einer erlag einem Herzinfarkt. Ein weiterer Wachmann erlitt einen Kopfschuss, viele andere Wachleute wurden verletzt.  Von den 35 Flüchtigen konnte über die Hälfte alsbald wieder festgenommen werden, die übrigen entkamen.
Nach dem Waffenstillstand zwischen den verfeindeten Lagern endete die Serie der Gewalttaten und die Zellen im Maze Prison leerten sich. Im September 2000 schloss das Gefängnis für immer seine Tore.

 

2.  DER AUSBRUCH AUS ALCATRAZ
Für viele Jahrzehnte galt Alcatraz als Inbegriff eines Gefängnisses, von dem jeder Fluchtversuch von vornherein sinnlos war. In das  auf einer Insel vor San Francisco gelegene Zuchthaus wurden nur die schlimmsten und übelsten Verbrecher des Landes eingewiesen, die zumeist lebenslängliche Haftstrafen abzusitzen hatten.   Im Jahre 1962 planten die drei Insassen Frank Morris,  John Anglin und dessen Bruder Clarence das Unmögliche: Die Flucht von Alcatraz. Aus Staubsaugerteilen bauten sie eine Bohrmaschine, mit  der sie den Durchbruch zu einem Luftschacht schafften.  Vom Luftschacht aus gelangten sie zu einem Rauchabzug, der sie direkt an den Strand der Insel führte.
Aus zusammengeklebten Regenmänteln hatten sie zuvor eine Art Floß gebaut, dass sie hier zu Wasser ließen. Sie verschwanden unentdeckt in der Dunkelheit. Und Verschwunden ist das Trio bis heute auch geblieben. Niemand weiß mit Sicherheit zu sagen, ob sie ihre riskante Flucht überlebt haben oder doch ertrunken sind.

 

1. DER AUSBRUCH AUS STALAG LUFT III
Dieser Ausbruch ist wahrscheinlich der berühmteste der Geschichte, auch wenn er für kaum einen der Flüchtigen glücklich endete. Stalag Luft III (die Abkürzung für Stammlager Luft) war ein Gefangenenlager, dass die Nazis eigens für gefangen genommene Piloten feindlicher Luftwaffen errichtet hatten.  Der englische Squadron Leader Roger Bushell  entwickelte die Fluchtpläne.
Man  begann man mit dem Bau von drei Tunneln, denen man die Namen Tom, Dick und Harry gab.”Tom”  und “Dick”  wurden von den Bewachern entdeckt, aber der dritte Tunnel konnte wie vorgesehen zu einem nahen Waldstück vorangetrieben werden.
Am Tag der Flucht, dem 23. März 1944, zeigte sich jedoch, dass der Tunnel etwa zehn Meter zu kurz war und  ungeschützt vor dem Waldstück endete. Dennoch konnten  76 Männer aus dem Lager entkommen.
Die Nazis setzten enorme Anstrengungen daran, möglichst alle Geflohenen wieder zu fassen. Mit Erfolg. Nur drei konnten sich dauerhaft der Festnahme entziehen.